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Erster Brief aus Kapstadt: Wie Kapstadt den Day-Zero bei der Wasserversorgung verhinderte

Theewaterskloof-Damm im März 2024

Einer unse­rer Was­ser­prei­spor­tal-Autoren, Prof. Dr. Mark Oel­mann, hält sich zur Zeit in Kap­stadt auf. Ein Ziel sei­ner drei­mo­na­ti­gen Mis­si­on nach Süd­afri­ka ist der fach­li­che Aus­tausch zu Erfah­run­gen und Kon­zep­ten zur Was­ser­nach­fra­gelen­kung bei Was­ser­stress. Die­sen erleb­ten die Kap­städ­ter bekannt­lich in den Jah­ren 2017/18 als der „Day Zero“ droh­te – der Tag ohne Was­ser. In nach­fol­gen­dem „Brief aus Kap­stadt“ beschreibt er sei­ne gewon­ne­ne Erkennt­nis­se.

„In den ver­gan­ge­nen Jah­ren war ich in Was­ser­fra­gen in vie­len außer­eu­ro­päi­schen Län­dern – ins­be­son­de­re in Afri­ka und im Nahen Osten – bera­tend tätig. Nicht von unge­fähr wer­de ich nun auch in Bezug auf mei­nen Auf­ent­halt in Kap­stadt gefragt, bei wel­chen Fra­gen ich denn unter­stüt­ze. Tat­säch­lich: Gar nicht! Ich schaue, dis­ku­tie­re, ler­ne, las­se mich inspi­rie­ren.

Wasserwirtschaftliche Anpassungen an die Klimawandel-Herausforderungen sind unverzichtbar

Wobei? Nun, fest­zu­stel­len ist, dass der Kli­ma­wan­del uns in Deutsch­land eben­so wie in Süd­afri­ka Anpas­sungs­leis­tun­gen abver­langt. Län­ge­re Dür­re­zei­ten gepaart mit Hit­ze­pe­ri­oden, Stark­nie­der­schlä­ge oder – wie in den ver­gan­ge­nen Mona­ten in Deutsch­land zu ver­zeich­nen – lang­an­hal­ten­de Nie­der­schlags­pha­sen erfor­dern eine Fle­xi­bi­li­tät, neu­deutsch Resi­li­enz. Kon­zen­trie­ren wir uns auf die mit Tro­cken­heit ein­her­ge­hen­den Her­aus­for­de­run­gen, haben wir es ers­tens mit dem Pro­blem anstei­gen­der Spit­zen­las­ten bei der Was­ser­nach­fra­ge und damit mög­li­cher­wei­se nicht aus­rei­chen­der Kapa­zi­tä­ten in den was­ser­wirt­schaft­li­chen Anla­gen zu tun, zwei­tens kann auch ein­fach das Was­ser regio­nal knapp wer­den.

Der rela­tiv nor­ma­le Reflex ist das Aus­bau­en der Kapa­zi­tä­ten. Dies aber ist mit Inves­ti­ti­ons­kos­ten ver­bun­den und unter Nach­hal­tig­keits­ge­sichts­punk­ten min­des­tens frag­lich. Als Öko­nom rate ich, die Nach­fra­ge­sei­te mit in den Blick zu neh­men. Bei der The­ma­tik der anstei­gen­den Spit­zen­las­ten sind wir hier sowohl for­schend an der Hoch­schu­le Ruhr West (HRW) in Mül­heim an der Ruhr als auch bera­tend mit MOcons schon gut unter­wegs: Über las­t­ori­en­tier­te und ins­be­son­de­re dyna­mi­sche Prei­se kön­nen wir Kun­den Anrei­ze geben, ihre Nach­fra­ge von Hoch­last- in Nied­rig­last­fens­ter zu ver­schie­ben. Die­se 3, 4 oder 5 % Men­gen­trans­fer ein­zel­ner Kun­den lie­fert die Sicher­heit für die gro­ße Mas­se der Kun­den. So las­sen sich das Ver­spre­chen der Ver­sor­gungs­si­cher­heit hal­ten und gleich­zei­tig teu­re Inves­ti­ti­ons­kos­ten spa­ren.

Historische Trockenheit bringt Kapstadt an den Rand des „Tag ohne Wassers“

Weni­ger Erfah­rung haben wir, wie wir mit nach­fra­ge­sei­ti­gen Maß­nah­men auf Was­ser­knapp­hei­ten reagie­ren. Klar: Ist zu erwar­ten, dass die­se Was­serd­ar­ge­bots­pro­ble­me anhal­ten, ist sich ange­bots­sei­tig zu diver­si­fi­zie­ren. Auch Kap­stadt reagiert auf die Day-Zero-Erfah­run­gen aus dem Jahr 2018 und inves­tiert nun in Grund­was­ser­för­de­rung, Meer­was­ser­ent­sal­zung und Water-Reu­se. Nach­fra­ge­sei­ti­ge Maß­nah­men kön­nen aber auch hier hel­fen, weil nicht sel­ten Was­ser­man­gel­la­gen einen Epi­so­den­cha­rak­ter haben. Genau mit die­sen nach­fra­ge­sei­ti­gen Maß­nah­men hat man in Kap­stadt viel­fäl­ti­ge Erfah­run­gen gesam­melt und des­we­gen bin ich nun für drei Mona­te am Future Water Insti­tu­te der Uni­ver­si­tät Kap­stadt.

Die Jah­re 2015 bis 2018 waren durch eine Tro­cken­heit gekenn­zeich­net, die sta­tis­tisch unter Nut­zung der his­to­ri­schen Daten ledig­lich alle 590 Jah­re auf­tritt. Zudem bezog die Regi­on den Groß­teil ihres Roh­was­sers aus Tal­sper­ren der Umge­bung, deren Füll­stand sank, je weni­ger es reg­ne­te. Hin­zu kamen poli­ti­sche Ani­mo­si­tä­ten auf natio­na­ler und regio­na­ler Ebe­ne. Die Par­tei Demo­cra­tic Alli­ance (DA) auf regio­na­ler Ebe­ne miss­gönn­te dem ANC auf natio­na­ler Ebe­ne, von der Lösung der Kap­städ­ter Was­ser­pro­ble­me mit­zu­pro­fi­tie­ren. Im Ergeb­nis befand man sich folg­lich in einer Situa­ti­on, in der zwangs­läu­fig nach­fra­ge­sei­tig reagiert wer­den muss­te.

Beeinflussung der Wassernachfrage kann Ressourcenüberlastung dämpfen

Und wie dies gelang: Bis zum Mai 2018 konn­te die Nach­fra­ge um 55 % gesenkt wer­den – von 1,2 Mrd. m³ 2014 auf rd. 500 Mio. m³ im Jahr 2018. Vie­le der Maß­nah­men – zusam­men­ge­fasst in unten­ste­hen­der Abbil­dung – erschei­nen uns ins­be­son­de­re unter Daten­schutz­ge­sichts­punk­ten kri­tisch. Sie sei­en hier den­noch knapp beschrie­ben:

  • Wie vie­le Regio­nen mit star­ten­den Was­ser­man­gel­pro­ble­men begann auch Kap­stadt mit der Ein­schrän­kung der Nut­zun­gen. Gar­ten­be­wäs­se­rung war zunächst an zwei Tagen pro Woche, dann an einem Tag pro Woche, sodann nur noch mit Eimern und final gar nicht mehr erlaubt. Pool­be­fül­lun­gen und Auto­wä­sche wur­de im Zeit­ver­lauf eben­falls unter­sagt. Mit­ar­bei­ten­de der Stadt über­wach­ten die Ein­hal­tung der Vor­ga­ben. Fehl­ver­hal­ten wur­de sank­tio­niert.
  • Beglei­tet wur­den die­se Ge- und Ver­bo­te durch Preis­mo­del­le, die gleich­zei­tig die Bezahl­bar­keit von Was­ser als Lebens­mit­tel Nr. 1 gewähr­leis­te­ten. Ein beson­de­res Unter­fan­gen in einem Land, das wie kein ande­res auf der Welt von Ein­kom­mens- und Ver­mö­gens­un­gleich­heit geprägt ist (Gini-Koef­fi­zi­ent von 0,63).
  • Eine drit­te Säu­le nach­fra­ge­sei­ti­ger Maß­nah­men lag im Bereich der Kom­mu­ni­ka­ti­on und Infor­ma­ti­on. Von drei Pha­sen wird hier berich­tet. Wäh­rend in der ers­ten Pha­se die Bür­ge­rin­nen und Bür­ger für ihr Was­ser­spar­ver­hal­ten gelobt und Was­ser­spar­tipps gege­ben wur­den, wir­ken ins­be­son­de­re die zwei­te und drit­te Pha­se auf uns befremd­lich. Viel­ver­brau­cher erhiel­ten Brie­fe, sie hät­ten ihre Nach­fra­ge ein­zu­schrän­ken, andern­falls wer­de ihnen eine Dros­sel ein­ge­baut. Die 100 größ­ten Ver­brau­cher in der Grup­pe der Haus­halts­kun­den wur­den im Febru­ar 2017 in der Tages­zei­tung unter Anga­be des Stra­ßen­na­mens ver­öf­fent­licht. Eine City Water Map mach­te für jeden abruf­bar, ob der Nach­bar zu viel Was­ser für sich bean­spruch­te. Die letz­te Pha­se wur­de dann durch die „Day-Zero“-Kampagne ein­ge­läu­tet. Mit­te Janu­ar 2018 ver­kün­de­te die dama­li­ge Bür­ger­meis­te­rin von Kap­stadt, Patri­cia de Lil­le, zum 21.4.2018 wür­de die Ver­sor­gung in den Häu­sern ein­ge­stellt und fort­an müs­se sich jede und jeder für Was­ser an einer der 200 öffent­li­chen Zapf­säu­len anstel­len. Im Vor­feld wur­den ein­zel­ne sol­cher Aus­ga­be­stel­len bereits auf­ge­baut, was einen plas­ti­schen Ein­druck zur bevor­ste­hen­den Kata­stro­phe ver­mit­tel­te.
  • Eine nicht unwich­ti­ge Maß­nah­me war abschlie­ßend die Druck­re­du­zie­rung. Auf die­se Wei­se lie­ßen sich Was­ser­ver­lus­te rela­tiv ver­min­dern.

Nachfrageseitige Maßnahmen in Kapstadt „Nach­fra­ge­sei­ti­ge Maß­nah­men Kap­stadt“
Quel­le: Eige­ne Dar­stel­lung in Anleh­nung an Brühl/Visser (2021) u. Vil­liers (2017)

Maßnahmen waren letztendlich erfolgreich

Und wie ging die Geschich­te aus? Im Ergeb­nis hät­ten die Tal­sper­ren noch bis auf einen Füll­stand von mini­mal 13 % sin­ken kön­nen. Bei 18 % Füll­stand wur­de die Kehrt­wen­de erreicht. Dank ein­set­zen­der Win­ter­nie­der­schlä­ge konn­te der „Day Zero“ zunächst abge­sagt wer­den.

Was bleibt? Sicher­lich wird man erst dann zu ähn­lich weit­rei­chen­den Maß­nah­men grei­fen, wenn die Umstän­de dies unab­än­der­lich erfor­dern. Dies ist für Deutsch­land nicht zu erken­nen. Gleich­zei­tig zeigt Kap­stadt, dass sich die Nach­fra­ge sub­stan­ti­ell beein­flus­sen lässt. Die Kom­bi­na­ti­on aus Infor­ma­ti­on, posi­ti­ver Moti­va­ti­on, inno­va­ti­ven Preis­mo­del­len und Moni­to­ring scheint gleich­wohl ziel­füh­rend. Ins­be­son­de­re mehr smar­te Zäh­ler sowie Pro­gno­sen zu Ange­bot und Nach­fra­ge mit­tels KI hel­fen, Kun­din­nen und Kun­den „mit­zu­neh­men“. Tat­säch­lich mei­ne ich, dass wir als Was­ser­ver­sor­gung für die Bür­ge­rin­nen und Bür­ger in Zei­ten zuneh­men­der Klim­wan­del­her­aus­for­de­run­gen nicht die „Rund­um-Sorg­los-Ver­si­che­rung“ sein müs­sen. In wirk­li­chen Aus­nah­me­fäl­len zeigt Kap­stadt, dass wir auf die Bür­ge­rin­nen und Bür­ger zäh­len kön­nen. Wenn wir auch im Sin­ne der Nach­hal­tig­keit mit Augen­maß inves­tie­ren, wird eine mar­gi­na­le Qua­li­täts­ein­bu­ße gut ver­mit­tel­bar sein. Ein sol­cher sich dann ein­stel­len­der Dia­log mit unse­rer Kund­schaft mag gar Chan­cen beinhal­ten.“

Quellen:

Bei­trags­fo­to: Thee­wa­ter­s­kloof-Damm März 2024 (Oel­mann)